Während Unternehmen Milliarden in KI, Plattformen und Lern-Content steckten, wuchs zugleich die Ernüchterung über deren tatsächliche Wirkung: Was davon verändert den Arbeitsalltag tatsächlich? „Skalierung ohne Relevanz bleibt wirkungslos“, sagt Dr. Till Großmaß. Als CEO der Berlitz Corporation erlebt er täglich, warum Lernen ohne Anwendung schnell zur Kostenstelle wird, wo KI hilft und wo sie überschätzt wird – und welche Entscheidungen darüber bestimmen, welche Bildungsanbieter morgen noch zählen.
Welche drei Erkenntnisse prägen rückblickend das Bildungsjahr 2025?
Weiterbildung wirkt nur dann, wenn sie konsequent an strategische Unternehmensziele gekoppelt ist. 2025 hat klar gezeigt, dass isolierte Lernmaßnahmen, losgelöst von Business-Zielen, weder Akzeptanz noch nachhaltige Wirkung entfalten. Gleichzeitig ist KI kein Ersatz für Lernen, sondern ein Verstärker. Unternehmen, die KI genutzt haben, um Lernprozesse zu personalisieren, Feedback zu beschleunigen und Lernende gezielt zu begleiten, konnten messbare Fortschritte erzielen. Dort, wo KI als Selbstzweck eingeführt wurde, blieb der Effekt gering. Und zuletzt zeigt sich vor allem auch in diesem Jahr wieder: Kommunikation, Kultur und Lernen sind untrennbar miteinander verbunden. Gerade in internationalen Organisationen wurde deutlich, dass Sprach- und Kulturkompetenz keine „Soft Skills“ sind, sondern produktivitäts- und integrationsrelevante Kernfaktoren.
Wofür haben Anbieter:innen und Unternehmen 2025 besonders viel Geld investiert – und wovon hätten Sie als früherer Strategieberater klar abgeraten?
Viele Investitionen flossen 2025 in skalierbare Lernplattformen, KI-Tools und Content-Bibliotheken – häufig in der Erwartung, Effizienz automatisch in Wirkung zu übersetzen.
Skalierung ohne Relevanz bleibt wirkungslos, daher sollte aus strategischer Sicht von zwei Dingen meiner Meinung nach klar abgeraten werden. Das sind zum einen Technologien ohne Nutzungskonzept, bei denen Plattformen und Tools zwar eingeführt werden, jedoch dann in weiterer Folge nicht sinnvoll und nutzbringend in den Arbeitsalltag integriert wurden. darüber hinaus sind hier auch reine Output-Kennzahlen ein Problem, da sie oft Investitionen darstellen, die sich an Klicks, Kursabschlüssen oder Lernstunden orientieren, statt an Verhaltensänderungen oder Performance-Effekten.
Welche Investitionsentscheidungen haben Sie bei Berlitz bewusst anders getroffen?
Wir haben bewusst nicht auf ein reines Self-Learning- oder App-Modell gesetzt. Stattdessen investieren wir gezielt in hybride Lernarchitekturen, die drei Dinge verbinden: Menschlich geführtes Training, KI-gestützte Personalisierung (z. B. Speaking Tutor) und klare Zieldefinition entlang realer Anwendungsszenarien. Jede größere Investition bei Berlitz folgt einer einfachen Frage: Welches konkrete Verhalten oder welche Kompetenz soll sich messbar verändern, und woran erkennen wir das?
Wie kann ein Unternehmen feststellen, ob Lernen strategisch seinen „Return“ erzielt?
Der „Return on Learning“ entsteht nicht am Ende eines Kurses, sondern im Arbeitsalltag. Unternehmen sollten daher drei Ebenen messen. Zum einen die Ebene der Relevanz: Sind die Inhalte direkt mit konkreten Rollen, Projekten oder Herausforderungen verknüpft? Als zweite Ebene sehen wir den Wissentransfer: Wird das Gelernte nachweislich angewendet, etwa in Meetings, Kundengesprächen oder Entscheidungsprozessen? Und zuletzt sollte der Business Impact gemessen werden: Verändern sich Kennzahlen wie Produktivität, Time-to-Integration, Fluktuation oder Kundenzufriedenheit?
Wichtig bleibt, sich jederzeit in Erinnerung zu rufen, dass Lernen ohne Transfer eine Kostenstelle und Lernen mit Wirkung ein Investitionshebel ist.
Welche Stimmung prägt die Weiterbildungsbranche aktuell im Umgang mit KI?
Die Branche ist gespalten zwischen Euphorie und Ernüchterung. Die anfängliche „KI löst alles“-Haltung ist 2025 einer realistischeren Perspektive gewichen. Viele Anbieter:innen erkennen inzwischen, dass KI zwar Effizienz steigert, aber nicht automatisch auch die Lerntiefe. Denn ohne ein didaktisches Konzept und menschliche Einbettung sinken Motivation und Verbindlichkeit und somit auch die nachhaltigen Lernerfolge. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich Vertrauen, kulturelles Verständnis und echte Kommunikation nicht einfach automatisieren lassen. Der Faktor Mensch ist und bleibt relevant. Das Bewusstsein für diese Balance wächst – und damit die Qualität der Diskussion.
Welche Entscheidungen werden darüber entscheiden, welche Anbieter:innen in fünf Jahren noch relevant sind?
Aus meiner Sicht sind drei strategische Weichenstellungen hier entscheidend. Erstens müssen Anbieter:innen Lernen messbar machen und nicht nur digitalisieren. Wer keinen belastbaren Wirkungsnachweis liefern kann, wird austauschbar. Der sogenannte „Return on Learning“ wird für Anbieter:innen wie auch Unternehmen immer relevanter. Zweitens verbinden relevante Anbieter Technologie mit menschlicher Exzellenz. KI wird zum Standard, doch Differenzierung entsteht durch Kontext, Qualität und Beziehung. Der dritte und letzte Punkt beschreibt einmal mehr, dass Weiterbildung als Teil von Transformation verstanden werden muss, nicht als Zusatzangebot. Anbieter:innen, die Unternehmen bei Wandel, Internationalisierung und Kompetenzaufbau ganzheitlich begleiten, bleiben relevant. Kurz gesagt: Zukunftsfähig sind nicht die lautesten, sondern die wirksamsten Bildungsanbieter.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Über Dr. Till Großmaß
Dr. Till Großmaß ist CEO der Berlitz Corporation. In seiner beruflichen Laufbahn hat er sich verstärkt mit der Entwicklung und Verbesserung von Wertschöpfungsprogrammen von Unternehmen in unterschiedlichen Branchen beschäftigt ebenso wie mit der Projektleitung rund um Themen der Wachstumstransformation. In seiner Funktion als CEO hat er das Ziel im Auge, die Wertschöpfung von Berlitz in den Bereichen Wachstum, Marketing und Vertrieb auf das nächste Level zu bringen, immer im Blick die Menschen in der Organisation.
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